Eine große Liebe

Es war ein besonderes Leben. Mit nicht nur einer Liebe, nicht nur einem Mann. Aber nicht, weil die Liebe gegangen war, sondern weil die Männer starben. Einer nach dem anderen, fast. Und so blieb sie da zurück, letztlich alleine mit fünf Kindern, einer ganz besonderen Geschichte, und doch hatte sie immer noch so viel Liebe in sich. Lachte so viel, strahlte und fing auf, war so weich und warm, hatte so wunderschöne Augen, so tolle Hände, die immer richtig anfassten, streichelten, hielten. Ich konnte so gut mit ihr reden wie mit wenigen Menschen. Sie war eine besondere Oma, meine Oma. Eine ganz besondere Frau. Eine große Liebe. Und groß soll auch die Liebe zu meinem Opa gewesen sein, der viel zu früh starb, aber ihr zwei ihrer Kinder geschenkt hatte, darunter meinen Vater. Es soll eine große Liebe gewesen sein, wurde mir erzählt. Das spürte ich auch als Kind, wenn sie mal von ihm sprach. Ohne dass ich als Kind gemerkt hatte, wie traurig sie gewesen sein musste. Wie sehr sie getrauert hatte, als er starb. Das habe ich erst im Nachhinein verstanden, als sie schon nicht mehr sie selbst war, meine Oma. Als sie wieder ein Kind wurde. Meine besondere Oma, die ich so geliebt habe. Nach dem Tod meines Opas hatte sie eine neue Liebe gefunden, in ihrem Schwager, mit dem sie sich wegen der insgesamt fünf Kinder zusammen tat. Aus Vernunftsgründen und Verantwortungsgefühl zunächst, es war ja die Zeit nach dem Krieg, und dann auch aus Liebe. Er wurde ihr dritter Mann, der jedoch auch nicht alt wurde, aber doch älter als ihre ersten beiden Ehemänner. Ich habe keinen gekannt, ich kannte meine Oma nur allein. Aber sie hat mir nie leid getan als Kind, denn sie hat einem nie das Gefühl gegeben, nicht vollständig zu sein. Nie. Sie war ganz, wenn nicht sogar mehr als ganz. War der Mittelpunkt ihrer großen Kinder- und Enkelkinderschar, hielt die gesamte Familie zusammen. Nur in einem Moment spürte ich, dass da doch etwas fehlte, dass da doch etwas war. Eine Liebe. Eine große Liebe. Oder eher zwei. Als sie mir zu meiner Konfirmation einen Ring schenkte. Einen ganz besonderen Ring. Er bestand aus dem Ehering mit ihrem dritten Mann und dem Ehering mit ihrem zweiten Mann, meinem Opa. Als sie ihn mir überreichte weinte sie. Und ich musste auch weinen, weil ich so gerührt war, der Ring so wunderschön war, und sie ihn doch immer getragen hatte. Ich habe so viel verstanden auf einmal, viel mehr als je zuvor über meine Oma. Über Liebe, über meine große Liebe zu meiner Oma. Sie hat nie aufgehört zu sein. Auch über ihren Tod hinweg. Dabei hilft mir ihr Ring, ihr ganz besonderer Ring. Der jetzt auch eine große Liebe von mir ist. Und mit dem ich meine Oma nicht nur im Herzen trage.

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