ZUHAUSE

Wo ist Dein Zuhause? Da, wo Du lebst? Da, wo Deine Liebsten sind? Da, wo Dein Schlafsack ist? Da, wo Du herkommst? In Dir drinnen?

Zuhause. Ich suche es (wieder).

Geboren in Hamburg, drei Jahre da. Dann Gelsenkirchen-Buer. Sieben Jahre. Dann Leverkusen. Acht Jahre. Dann ein Jahr lang Paris und Südostasien. Und dann Berlin. Erst ein paar Monate in der einen WG, dann acht Jahre in der nächsten – zwei Wohnungen, vier Mädels, Kohleöfen, Campingdusche, Prenzlauer Berg, wichtige Jahre. Zuhause! Und das genauso lang wie in dem Haus mit meinen Eltern, damals, als ich ein Teenie wurde, Dirty Dancing liebte und dann Keanu Reeves (der ist ja heute auch wieder cool). Zwischendrin: Paris revisited. Erasmus.

Bis schließlich alles endete, das Studium, die Beziehungen, der unsanierte Zustand der Wohnung, ja, und leider auch die Freundschaften. Irgendwie. Und dann kam der Übergang. Der war bestimmt auch vorher schon mal da, aber jetzt spürte ich ihn, so richtig. Ein Zimmer in Kreuzberg, für mich alleine. Vier Jahre. Journalistinnenjahre. Zuhause? Im Job ja, in der Wohnung nein. Nicht so richtig.

Und dann Friedrichshain, mit der Liebe, der Hoffnung und dem Kinderwunsch. Erst eins, irgendwann zwei, doch keine drei. Wir blieben elf Jahre. Die längste Zeit meines Lebens, die ich in einer Wohnung lebte, in einem Zuhause. Kein Wunder, dass es so schwer fällt, zu gehen. Und das Zuhause hinter sich zu lassen (erzwungener Maßen #Mietenwahnsinn #Verdrängung). Um ein neues zu finden. Vielleicht in der neuen Wohnung, vielleicht woanders.

Es sind die kleinen großen Dinge

Der Blick in die Kastanie vor dem Schlafzimmerfenster, die Holzdielen mit den vielen Astlöchern und die gelben Stühle auf dem Balkon. Überhaupt der Balkon…

Es sind die kleinen großen Dinge, die mir fehlen werden, wenn wir hier ausziehen. Hier, aus dieser Straße mit quietschenden Straßenbahnschienen und mittlerweile groß gewachsenen Bäumen, hier, aus diesem Haus, das eine sehr besondere Gemeinschaft hatte und hier, aus dieser Wohnung, in der ich die längste Zeit meines Lebens gelebt habe.

In der meine Kinder nicht direkt geboren aber doch von Anfang an aufgewachsen sind. Ihre ersten Schritte gemacht haben, ihren ersten Brei gemanscht, ihr erstes Bad auf dem Balkon genommen, ihre ersten Wörter gesprochen haben.

In der ich jede einzelne quietschende Diele kenne und mich auch zurecht finde, wenn es stockdunkel ist. In der der Blick aus dem Bad unschlagbar ins Grün geht, das ich über so viele Jahreszeiten beobachten konnte. Mal war das Fenster komplett verdeckt, im Winter ging der Blick weit durch die Bäume hindurch in die hell erleuchteten Fenster des Hauses in der Querstraße.

Es sind die kleinen, großen Dinge, die mich jetzt schlucken lassen, wenn ich mir klar mache, dass es die letzten Male sind, in denen ich sie ansehe, wahrnehme, spüre, rieche, höre. Die Stille in der Nacht, obwohl wir mitten in der Stadt sind. Die Musik von unten, wenn der Nachbar leise probt. Der frisch geputzte Flur jeden Mittwoch. Die spielenden Kinder im Hof.

Nächsten Monat ziehen wir aus. Nach 11 Jahren – wegen Verdrängung mehr oder weniger unfreiwillig. Und mit vielen kleinen und großen Dingen im Gepäck und im Herzen.

Am Ende

Die alten Zimmer geleert, die Erinnerungen aufgefrischt und ein Vorhaben nicht eingehalten. So feiern wir zum letzten Mal in diesen Räumen, der alten Dame Reihenhaus, auf dem Müll mehr als gewollt – es ist geschuldet der Zeit – und das Liebste verpackt. Was habe ich alles in den Händen gehalten, schwarz vom Staub, verblasst von den Jahren, aber umso bunter und klarer die Bilder der Erinnerungen dazu. Und so schreibe ich hier doch ein paar Zeilen, etwas Muße ist da. Die Kinder spüren die Aufregung der letzten Tage und vor allem von heute. Das Bild unserer Weihnacht zeigt sich in meinem Kopf wie in einem meiner allerliebsten Kindheitsbücher, das mir auch in die Hände fiel. Das sind wir. Und das sind wir, ein bisschen tatsächlich.
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So schiebt sich Neues über Altes, Versprechungen wurden Erfüllungen und auch wenn so manches zu Ende geht, Abschied genommen wird, trägt das Jetzt, das Wachsende und Neue das Vergangene, Schrumpfende und Alte. Erstaunlich. Familie. Immer wieder. Und was für ein Glück, Eltern und Kinder zu haben.
Schöne Weihnachten!

Bye bye Berlin

byebye1 byebye2Eigentlich dachte ich ja, würde ich diese Worte erst benutzen, wenn wir mal eine Abschiedsfeier machen. So stand es es dann in meiner Vorstellung auf der Einladung: Bye bye Berlin. Und so wird es vielleicht auch irgendwann mal sein. Aber jetzt habe ich diese Worte benutzt, weil meine Freundin A. mit ihrer Familie aus Berlin weg gehen wird. Und eine Abschiedsfeier macht.

Gestickt und gestempelt auf Herzchenstoff, rein in einen Stickrahmen, Tränchen drauf, Bändchen dran, fertig!

„Bye bye Berlin. Wir lieben Dir weiterhin!“

Alles Gute, liebe A. für den Schritt raus, das wird toll! Und einen Koffer lasst Ihr ja eh noch hier. Berlin rennt nicht weg.

Fragen über Fragen

Wo wollen wir leben? Wie wollen wir leben? Wo sollen wir hinziehen? In der Stadt bleiben? In einen Randbezirk? Ganz raus aus Berlin, an einen anderen Ort? Was soll ich machen? Was soll er machen? Werden wir was finden? Was werden wir finden? Was ist mein Marktwert? Will ich selbstständig bleiben oder angestellt werden? Welche Stadt gefällt uns? Wollen wir ein Haus kaufen? Eine Wohnung? Oder lieber weiter mieten? Wollen wir näher an die Großeltern ran? Was ist mit unseren alten Freunden? Was ist mit unseren neueren Freunden? Wo ist es gut für uns als Familie? Willst Du meine Frau werden? Im Urlaub gab es Fragen über Fragen. Wenigstens auf eine wusste ich eine ganz klare Antwort: JA!