Wenn einem was in die Hände fällt

An einem grauen, kühlen Wintermorgen lag es direkt vor mir auf dem Bürgersteig – ein kleines, leeres Vogelnest. Bis auf einen Riss fast intakt und immer noch ein großes Kunstwerk. Ganz rund und fein, außen aus Ästchen, innen lagen einst die Eier und Küken weich gebettet auf Haaren und Flaum, zusammengeknüllten Spinnweben oder Watte. Es musste gerade erst herabgefallen sein, vom starken Wind herunter geweht von dem Baum, der mit seinen Kugeln aussah wie eine kleine Platane. Wer hat es wohl gebaut? Wie lange muss der kleine Vogel daran gearbeitet haben? Mit welcher Emsigkeit? Wie viele Eier lagen drin? Sind alle Küken flügge geworden? Wurden hier mal die kleinen Spatzen von ihren Eltern gefüttert, die sich gleich um die Ecke im Sommer beim Eisladen auf die Krümel stürzen? Die frech neben der Kaffetasse sitzen? Ist das ihr Nest gewesen? Ich habe es aufgehoben und vorsichtig in die Hand genommen – passte genau rein. Und aus dem grauen, kühlen Wintermorgen wurde doch tatsächlich ein Tag, der mir viel Glück gebracht hat. Danke, kleiner Vogel.

Landkind im Stadtkind

Ich bin ein Stadtkind. Geboren in Hamburg, aufgewachsen im Pott (und dann auch noch Gelsenkirchen-Buer!) und Leverkusen am Rhein, habe ich die meisten Jahre meines Lebens in Berlin und eines davon in Paris gelebt. Das ist alles Stadt. Straßen, Schornsteine, Fabriken. Zum Glück hatten meine Eltern immer einen begrünten Balkon oder eine Terrasse mit Garten – so konnte ich als Kind wenigstens manchmal Lisa aus Bullerbü sein. Außerdem liebten sie den Wald und so mussten wir Kinder immer wandern gehen, regelmäßig ging es raus aus der Stadt. Dann lief ich einige Meter hinter den anderen her und sprach mit den Tieren und Wesen des Waldes. Elfen, Zwerge, Hasen und Rehe begleiteten mich, die Königin des Waldes, auf ihren Spaziergängen. Ich mimte das geborene Landkind!

Genährt habe ich es während des Urlaubs, den wir jeden Sommer in dem gleichen kleinen Dorf in der Bretagne verbrachten, direkt am Meer gelegen, wo ich jeden Menschen und jeden Hund kannte. Außerdem im Frühling, Herbst und Winter, wenn es auch aus der Stadt raus ging, weil Ferien waren. Und jetzt ist es immer noch da, steckt da in mir, steckt im Stadtkind, wenn es sich ungemein über das Knospen und Keimen ums neu bezogene Haus in der Stadt freut, aus Wohn- und Küchenfenster, Schlafzimmerfenster und sogar Badezimmerfenster schaut und sich an den sprießenden Bäumen und Sträuchern ergötzt. Jeden Tag ist da ein wenig mehr Grün, ein wenig mehr Leben, ein wenig mehr Natur. Was für ein Fest für das Landkind im Stadtkind!

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