Marienkäfer, flieg!

Es war Frühling. Die Tomate auf unserem großen Balkon hatte viele, viele Blattläuse und mein Bruder und ich sammelten fleißig Marienkäfer in Streichholzschachteln. Für jeden Glücksbringer gab es 10 Pfennig von Mama, und das war viel Geld. Abgesehen von dem Verdienst liebte ich die kleinen roten Käfer mit den schwarzen Punkten. Ich fing sie vorsichtig ein und ließ sie über meine Finger krabbeln, bevor ich schnell mit der Beute in dem Schächtelchen nach Hause lief. Damals glaubte ich auch noch, dass man an den Punkten abzählen könnte, wie alt der Marienkäfer sei. Aber nein, so war das nicht. Das fand ich viel später heraus.

Jetzt ist Herbst. Auf unserem Balkon gibt es keine Blattläuse. Dafür tummeln sich dort viele, viele Marienkäfer. Sie fliegen in Scharen am Fenster vorbei, machen es sich zu Hunderten an der Hauswand gemütlich und lassen sich die warme Herbstsonne auf die kleinen roten Panzer scheinen. Denen geht es richtig gut, sie fressen alles, was ihnen zwischen das schwarze Mäulchen kommt. Sie fliegen mir ins Haar und bleiben darin hängen, fliegen in die Wohnung und suchen sich ein Plätzchen zum Überwintern. Aber nicht mit mir. Es sind zu viele, viel zu viele. Und in solchen Massen wird selbst der schönste Glücksbringer zur Plage. Andererseits: Wie reich wäre ich heute, brächte ich sie alle noch wie damals zu meiner Mutter zur Blattlausbekämpfung. Einen Umzugskarton voll könnte ich ihr bringen und von dem Geld in das Land fliegen, aus dem die Tierchen heutzutage kommen.