Das ist jetzt unser Leben

4. Woche: Die Nacht war okay, nicht zu früh aufgewacht, nicht zu viel und intensiv von Corona geträumt. Nicht so wie in den Nächten davor. Und ich widerstehe dem ersten Impuls, sofort mein Telefon von nebenan zu holen und bei Twitter zu lesen, die neuen Zahlen, die neuen Artikel, die neuen Schrecken. Stattdessen seit Tag 17 des Shutdowns nach dem Aufwachen: #morningpages, inspiriert von Doris Dörrie auf Insta. 10 Minuten schreiben ohne zu denken, ohne zu unterbrechen, ohne zu korrigieren. Über etwas ganz anderes, etwas Erinnertes. Das tut so gut. Die Kinder sind schon wach, ab 8 Uhr dürfen sie auf dem Tablet etwas gucken bis wir frühstücken – das gibt es sonst nur am Wochenende. Es ist kein Wochenende. S. geht entweder ins Büro oder bleibt im Home Office, wir besprechen, wann er wieder da ist und was wir dann noch machen, ob ich Termine habe und wann er die Kinder nehmen kann. Elternorganisation wie immer und doch anders.

Meistens scheint in diesen Tagen die Sonne. Ein unglaublicher Kontrast zu dem eigentlich verhangenem, vernebelten, irrealen Gefühl seit Corona in der Stadt ist. Sonne, das ist Leben. Die Natur knallt durch da draußen, alles sprießt, alles blüht. Und dazu knallblauer Himmel. Wirklich fast jeden Tag, seitdem am Freitag, dem 13. März verkündet wurde, dass ab 19. März Schulen und Kitas geschlossen sind, um die rasante Verbreitung von Covid-19 zu verlangsamen. Beginn des Shutdown. Und meine Kinder lesen den passenden Comic:

Die beiden sind noch ganz gut drauf. Noch. Sie sehen ihre Freundinnen und Freunde nicht mehr (außer über den Bildschirm), hängen viel zu sehr zusammen, miteinander und mit uns. Sie haben nicht einmal eine Auszeit, so wie wir das haben können, entweder im Büro oder auf einem Spaziergang, im Auto oder auf dem Fahrrad. Mal alleine sein. Welch ein Luxus. Alles ist später geworden, das Aufstehen, das Frühstücken, das Anziehen, das Fertigmachen. Egal. Doch kurz Twitter und die wichtigsten Nachrichten checken, Artikel in neuen Fenstern öffnen, es werden immer mehr, die ich lesen will und doch nicht schaffe. Später vielleicht. Erstmal Vorschule und Schule (und bitte keine Corona-News-Panik). Wenn denn dann alle fertig sind. Der 6-Jährige hat schon sämtliche Vorschulblöcke durch, die 10-Jährige kriegt per Email immer wieder neue Aufgaben von den verschiedenen Fachlehrenden. „Mama, was muss ich da machen?“, „Mamaaaaa!“ „Mama, das Heft ist voll!“ Doch, es geht ganz okay. Zwischendurch weiter Twitter auf dem Handy, weiter Nachrichten, weiter über andere lesen, denen es so verdammt viel beschissener geht als uns in unserer Coronazeiten-Blase. Und doch sind da so viele Ängste…

Malvorlagen von Dieter Braun

Gegen Mittag reicht es dann. Raus. WIR MÜSSEN RAUS! Zum Glück haben die Nachbarn noch ein riesiges Trampolin in unseren kleinen Garten gestellt, als alles los ging. Wir wechseln uns ab mit den Kindern, damit die auch nicht mehr zusammen kommen. Vorher und nachher 20 Sekunden Händewaschen, zwei Mal Happy Birthday. Das Lied wird hier jetzt so oft gesungen wie mir mein ganzes Leben nicht. Raus ist die Rettung. Auch wenn es wieder Streit gibt, wenn wieder eine besser ist als der andere oder andersherum. Egal. Wir müssen jetzt raus. Und dann hopsen die beiden und ich werfe sie ab mit dem Ball und sie hopsen noch weiter während ich auf mein Handy linse, weiter die Fenster abarbeite, die ich morgens geöffnet habe, und dann kommt ja auch bald der Podcast mit Drosten, Pflichtprogramm. Wenn es gut läuft, höre ich ihn später während meines Spaziergangs über den Friedhof. Da ist es so ruhig und leer wie nirgends sonst. Jetzt, wo die Menschen Zuhause bleiben sollen, sind die Parks und Grünflächen voll. Die Spielplätze sind zu, aber der Frühling ist da und alle müssen raus damit sie nicht durchdrehen. Mir ist es oft zu voll. Wenn es gut läuft, kommt S. bald nach Hause oder wir wechseln uns Zuhause ab und ich kann alleine raus. Meine Rettung. So oft.

Was essen wir denn heute? Die Essensplanung hat einen ganz großen Raum eingenommen, ich zeichne Pläne und schreibe auf, was es wann geben könnte, was dann noch fehlt, was wir da haben. Wir wechseln uns ab mit Einkaufen, je nachdem, wie es in den Tages- und Arbeitsablauf passt und ob Markt ist, was wir genau brauchen und wer Auto oder Rad fährt – und wir gehen so selten wie möglich. Deshalb ist es immer ein Rieseneinkauf. Wir essen aufwändiger und immer Zuhause. Das ist sonst auch nicht so. Uns fehlen die Restaurants und Imbisse, vor allem mir fehlen die Cafés und kleinen Läden. Zum Glück kann man manchen von ihnen auch in diesen Corona-Zeiten helfen.

Am ewigen Sonntag gibt es auch unter der Woche fast jeden Tag Kaffee und Kuchen. Seit ein paar Tagen gehen wir nur noch mit Stoffmaske zum Einkaufen oder dahin, wo mehrere Menschen sind. Auch zum Bäcker. Ich muss ein bisschen lauter sprechen, damit ich den richtigen Kuchen in die Tüte kriege, weil man mit Stoff vor dem Mund nicht so gut verstanden wird. Beim ersten Mal war es noch echt komisch mit der Maske in der Öffentlichkeit, von Mal zu Mal wird es aber besser. Letztens waren da vor dem Bioladen noch eine Frau mit Maske und ein Mann mit Maske rief ihr und mir zu: „Ein Maskengruß geht an Euch, vorbildlich macht Ihr das! Noch einen schönen Tag!“ Ich lächelte ihm durch die Maske und mit den Augen zu und rief: „Für Sie auch!“ Das war schön.

Wenn es gut läuft, schaffe ich dann noch was für mich. Schreibtisch abarbeiten, Emails beantworten, Ideen werfen und manche wieder verwerfen. Yoga machen. Ukulele spielen. Schreiben. Oder wir unterhalten uns mit den Kindern, wie es sonst nur im Urlaub passiert. Mit viel Zeit und Geschichten von früher und ganz viel Lachen. Spielen zusammen, kruschteln so rum, basteln, bauen, werkeln etwas. Wenn es nicht so gut läuft, geht jeder in sein Zimmer, hört etwas für sich, liest etwas, spielt etwas, ärgert sich etwas. Mal ist ein Tag schlechter, mal ist er besser. Zwischendurch Nachrichten mit den Großeltern und Freundinnen und Freunden lesen und verschicken. Nachfragen wie es geht. Jeden Tag jemand anderen oder auch mehrmals die gleichen. Freundschaften sind so gut und so wichtig. Gerade in diesen Zeiten. Und es fehlt mir so, meine Freundinnen zu sehen und zu umarmen, einmal die Woche skypen oder facetimen oder zoomen wir und fühlen uns dann wieder normaler. Vor allem, wenn uns allen die Corona-Decke auf die Köpfe fällt.

Am Wochenende – also wirklich am Wochenende – fahren wir raus. Das ist das Beste. Das Tipi in dem einen Wald weiterbauen, über die Wiesen bei dem anderen Wald gehen oder die Kinder mit einem Pfad an den Wasserbüffeln vorbei in die Natur locken. Schwimmbad, Westernstadt, Strandbad, Wildpark, alles hat zu. Aber auch im Wald tummeln sich mehr Menschen als sonst, mal wird auf den Abstand geachtet, mal nicht. Und darauf wird geachtet. Es ist eben irgendwie alles anders in dieser Zeit.

S. und ich reden viel, viel über Corona, auch wenn die Kinder im Bett sind. Und manchmal auch gar nicht. In seinem Job kommen neue Probleme mit dem Lockdown, es ist erschreckend und bedrückend. Wir schicken uns täglich Artikel hin und her, die wir interessant und gut finden. Manchmal ist es aber auch zu viel. Dann hilft nur Spielen (er) und Netflix (ich) oder Lesen – oder gar nix (wir). Das ist jetzt unser Leben. Mal sehen, wie lange es noch so geht.

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